Die Taliban haben den nächsten Schritt zur Verstetigung ihrer Macht in Afghanistan vollzogen. Dazu beriefen sie vom 30. Juni bis zum 2. Juli eine »Große Versammlung der Ulema Afghanistans« – die Ulema sind höhere islamische Geistliche, im Gegensatz zu den nur elementar gebildeten Mullahs – nach Kabul ein, deren 5 000 Teilnehmer aus dem ganzen Land das Regime reli­giös legitimierten. Auch einige Stammes­älteste und Geschäftsleute seien geladen gewesen – ausschließlich Männer. Alle waren von den Taliban-Verwaltungen in den Provinzen und Distrikten ausgewählt worden. Diese hatten in einem Brief der Vorbereitungskommission die Anweisung erhalten, nur Per­sonen zu entsenden, die den »Jihad« der Taliban unterstützt hatten. Die Vor­bereitungskommission hatte der Erste stellvertretende Ministerpräsident Abdul Ghani geleitet, besser bekannt als Mullah Baradar, der auch einer der drei Stellvertreter des Obersten Führers der Taliban, Hibatullah Akhundzada, ist. Dissens war damit von vornherein ausgeschlossen.

Das Treffen fand in der Polytechnischen Universität von Kabul statt. Deren Studenten wurden kurzfristig aus ihren Wohnheimen auf dem Gelände geworfen, um die Teilnehmer unterzubringen. Die Taliban trafen scharfe ­Sicherheitsmaßnahmen, durchsuchten Häuser in benachbarten Wohnvierteln und richteten nahe des Tagungsorts zusätzliche Kontrollposten ein.

Afghanistan wird zu einem isla­mischen Gottesstaat, der – im Gegen­satz zum benachbarten Iran – nicht einmal symbolische parlamenta­rische Elemente aufweist. Letztlich handelt es sich um ein Ein-Mann-Regime.

Trotzdem kam es zu Anschlagsversuchen. Am Eröffnungstag schlugen zwei Geschosse in der Nähe der Versammlung ein, richteten aber keinen Schaden an. Immerhin wurde die Tagung sicherheitshalber unterbrochen. Afghanischen Medien zufolge übernahm eine »Nationale Befreiungsfront« (eigentlich: Nationale Befreier-Front; Jabha-je Melli-je Azadegan) die Verantwortung für den Anschlag. Am Freitag vorvergangener Woche durchsuchten die Taliban ein Gebäude in Kabul und erschossen drei Menschen, die geplant haben sollen, von dort aus erneut die Versammlung zu beschießen.

Aus der Versammlung berichten durften nur das Staatsfernsehen und -radio sowie die ebenfalls von den ­Taliban kontrollierte offizielle Nachrichtenagentur Bakhtar. …… weiter unter:

Eine Versammlung von 5 000 Geistlichen hat in Kabul das Taliban-Regime legitimiert – von Thomas Ruttig

Sehr zu empfehlen Thomas Rüttig
Afghanistan Analysts Network, Co-Direktor und Senior Analyst

Sein Blog Afghanistan Zhaghdablai ~ Thomas Ruttig über Afghanistan
Herr Ruttig hat einen Abschluss in Afghanistanstudien der Humboldt-Universität zu Berlin; Er studierte auch an der Universität Kabul und spricht fließend Paschtu und Dari. Seit 1983 hat er mehr als zehn Jahre in Afghanistan und Pakistan gearbeitet.

Nach seinem Abschluss 1985 trat er in den diplomatischen Dienst der Deutschen Demokratischen Republik ein und diente 1988/89 an deren Botschaft in Kabul. Von 1989 bis 2000 arbeitete er als Auslandsredakteur in zwei Berliner Zeitungen und als freiberuflicher Journalist mit den Schwerpunkten Afghanistan, Zentralasien und Entwicklungsfragen sowie als Herausgeber einer entwicklungspolitischen Zeitschrift, dem INKOTA Brief.

Im Jahr 2000 trat er der UN-Mission (UNSMA) in Afghanistan bei und leitete deren Büro in Kabul bis zum 11. September. Er arbeitete weiterhin bei der neuen Mission (UNAMA) als Referent für politische Angelegenheiten, war 2001 Mitglied der UN-Delegation auf der Bonner Afghanistan-Konferenz und 2002 Berater der afghanischen unabhängigen Notfallkommission Loya Jirga. 2002 und 2003 leitete er nacheinander die UNAMA-Büros in Islamabad und Gardez. 2003 wurde er zum Stellvertreter des Sonderbeauftragten der Europäischen Union für Afghanistan ernannt und trat 2004 als politischer Berater in die Deutsche Botschaft in Kabul ein. Zwischen 2006 und 2008 arbeitete er als Visiting Fellow bei der Berliner Denkfabrik SWP (Stiftung Wissenschaft und Politik/German Institute for International and Security Affairs) und bis 2009 als freiberuflicher Berater und Analyst. …………………………….

Von rn-d.de

This website uses cookies. By continuing to use this site, you accept our use of cookies.  Mehr erfahren